Geheimnisvolle Rauhnächte - VisioTerra
16 April 2018

Geheimnisvolle Rauhnächte

Geheimnisvolle Rauhnächte

Bei uns zu Hause hiessen die Tage zwischen Weihnachten und Dreikönig die „Zeit zwischen den Jahren“. Und so fühlte es sich irgendwie auch an: Das alte Jahr war zu Ende und das neue hatte noch nicht recht angefangen. Wir Kinder hatten schulfrei und die Erwachsenen hatten Zeit, weil auch sie zumeist Ferien hatten. Es war eine besondere Atmosphäre. Wir sassen gemeinsam in der Stube, Geschichten wurden erzählt, die Arbeit ruhte und die Familie rückte zusammen. Nach dem Weihnachtstrubel befanden wir uns nun in einer Art Zwischenzeit. Altes klang nach und Neues hatte noch nicht begonnen.

Ursprung der Rauhnächte

Inzwischen weiss ich, dass diese 12 Tage tatsächlich „zwischen den Jahren“ sind, wenn man von der alten Zeitrechnung ausgeht. Man vermutet, dass früher nach einem Mondjahr gerechnet wurde. Zwölf Mondmonate ergeben aber nur 354 Tage. Zum Sonnenjahr mit 365 Tagen fehlen also 11 Tage bzw. 12 Nächte. Diese wurden nun zwischendrin „eingeschoben“. Eine solche Zeit ausserhalb der Zeitrechnung wurde als mystisch und geheimnisvoll angesehen. Man glaubte, dass die normalen Naturgesetze ausser Kraft gesetzt sind und auch die Grenzen zwischen den Welten – unserer realen und der Anderswelt – verschwimmen und durchlässig werden. Deshalb gab es eine Fülle an magischen Ritualen und Bräuchen, die Schutz bzw. einen Blick in die Zukunft bieten sollten. Solche germanische oder auch vorgermanische Bräuche haben sich in unserem Brauchtum teilweise bis heute erhalten. Wobei man meist nicht genau feststellen kann, woher ein Brauch im Einzelnen kommt. Etwas, von dem wahrscheinlich jeder schon einmal gehört hat, ist das Bleigiessen an Silvester.

Je nach Überlieferung und Region variieren Beginn und Ende der heiligen Nächte. Sie werden entweder von der Wintersonnenwende am 21. Dezember bis zum 2. Januar gerechnet oder von Weihnachten bis zum Dreikönig. Die erste Variante geht wohl eher von natürlichen Gegebenheiten aus während die zweite mit christlichen Festen in Verbindung steht.

Der Name Rauhnächte wird oft in Verbindung gebracht mit dem Brauch des Ausräucherns von Hof und Stall, also mit Rauch. Eine andere Deutung führt ihn auf das mittelhochdeutsche Wort rûch (haarig) zurück. Dieses ist abgewandelt in der Kürschnerei auch heute noch in Verwendung ist als Bezeichnung von Rauhware (Tierfell). In einer bäuerlichen Kultur spielte das Nutzvieh eine grosse Rolle. Viele Schutzrituale und Bräuche in den galten den Tieren. So war man z.B. der Meinung, dass Menschen in dieser besonderen Zeit die Sprache der Tiere verstehen könnten.

Mythen und Geschichten rund um die Rauhnächte

In dieser Zeit steht nach altem Volksglauben das Geisterreich offen. Wilde dämonische Gesellen jagen über das Land, Geister streifen umher und die Verstorbenen haben Ausgang.

Wotan soll mit unerlösten Seelen und Vertretern des Kleinen Volkes zur „Wilden Jagd“ aufbrechen. Dabei prüfen sie die Menschen und erschrecken sie auch. Sie üben Gerechtigkeit und gleichen Vergehen aus. Kein Wunder, zog man sich ins Haus zurück und veranstaltete allerlei Schutzzauber, um nicht von diesen wilden Mächten mitgerissen zu werden. Märchen und Legenden wurden erzählt, Träume gedeutet und die Heilkundigen hielten Zwiesprache mit den Geistern.

Im Alpenraum ist es die Percht als Wintergöttin, die die Prozession von Geistern und Dämonen anführt. Dabei erweckt sie auch das Land zu neuer Fruchtbarkeit. Sie wird mit zwei Gesichtern dargestellt: einem wunderschönen glücksbringenden und einem hässlichen strafenden.

Am Ende der Raunächte gehören die Perchtenläufe in vielen Gegenden, z.B. in Oberbayern, zum festen Brauchtum, um den Winter auszutreiben. Dabei ziehen verkleidete Gestalten herum, die als „Schönperchten“ oder „Schiechperchten“ die zwei Gesichter der Sagengestalt verkörpern. Mit Glöckeln, Peitschen und Böllern vertreiben sie den Winter. Von dieser wilden Schar werden die Fleissigen belohnt und die Selbstsüchtigen bestraft. In einer bäuerlichen Kultur kannte man seine Pappenheimer.

Orakel in den Rauhnächten

Orakel haben die Menschen wohl schon immer fasziniert. Bekannt ist z.B. das antike Orakel von Delphi, bei welchem eine Priesterin über eine Erdspalte sass, aus der berauschende Dämpfe aufstiegen. Davon benommen befand sie sich in einem aussergewöhnlichen Bewusstseinszustand und 

beantwortete aus diesem heraus die Fragen der Ratsuchenden.

Das kann man zum Glück auch einfacher haben. Neben klassischen Orakeltechniken wie Runenwerfen, Tarotkarten legen etc. gibt es unzählige Volks- und Küchenorakel. Meistens zielen sie auf einige wenige Themen ab: Liebe, Beruf, Geld, Gesundheit. In bäuerlichen Kulturen war auch das Wetter ein ganz wichtig. Entschied es doch über Erfolg oder Misserfolg bei der Ernte.

Wetterorakel für die kommenden zwölf Monate

Man zeichnet zwölf Kreise auf Papier und teilt diese durch ein Kreuz jeweils in Viertel. Beginnend am Weihnachtstag (25.12.) beobachtet man nun 12 so genannte Lostage lang das Wetter (bis zum 5.12.). Jeweils 6 Stunden sind einem Viertel im Kreis des Tages zugeordnet. Ist es hell und sonnig, bleibt das Viertel leer, ist es trüb wird es ausgemalt.

Dazu kann man Anmerkungen eintragen wie: nass, sonnig, kalt etc. Am 13. Tag, dem 6. Januar, entscheidet sich, ob die Beobachtungen eintreffen werden oder nicht: Ist es trocken, dann stimmt es. Wenn es aber regnet oder schneit, dann ist die Vorhersage hinfällig.

Einfacher kann man es haben, indem man einfach 12 hohle Zwiebelschalen aufstellt, sie mit den Monatsnamen versieht und in jede etwas Salz gibt. Je nachdem, ob nun während der Neujahrsnacht das Salz in der Schale trocken bleibt oder nass wird, gibt es einen trockenen oder feuchten Monat.

Volksglaube zu den Rauhnächten

  • Der Alb oder Druden schleichen ins Schlafzimmer und setzen sich Schlafenden auf die Brust. Dadurch bekommt man Alpträume.
  • Hausgeister sind besonders Um sie zu beruhigen, stellt man ihnen Gaben hin.
  • Wichtel und Winterelfen bereiten unerkannt Freude und Glück.
  • Schmutz und Unordnung ziehen die wilden Geister an. Diese verursachen Krankheit und Bedrückung. Deshalb soll alles aufgeräumt und sauber
  • Es wird nicht gearbeitet. Alle Räder stehen still – nur das Schicksalsrad dreht sich.
  • Zwischen den Jahren wird nicht gewaschen oder geputzt. Das bringt Unglück.
  • Türen sollen leise geschlossen werden, um Blitzschlag im kommenden Jahr zu vermeiden.
  • Kein Bettzeug auf der Leine lassen, weil sich sonst die Wilden darin verfangen können, was schreckliches Unheil bringt
  • Keine Haare oder Nägel schneiden, sonst bekommt man Kopfweh und Nagelentzündung.
  • Fehlende und nicht rechtzeitig ersetzte Knöpfe an der Kleidung bedeuten Verlust von Geld im kommenden Jahr
  • Heilkräuter, die im Jahr gesammelt wurden und vielleicht im Kräuterbuschen im Haus hängen, haben jetzt besonders starke Kraft.
  • Hört man bei einem bestimmten Gedanken Hunde bellen, dann heisst es, dass der Gedanke richtig ist.
  • Fallen einem Linsen, Bohnen oder Geschirr herunter, dann bedeutet das Unglück. Das kann aber bereinigt werden, indem man am 12. oder am 5.1. den Naturwesen Milch und Speisen vor die Tür stellt.
  • Viel Wind kündigt ein unruhiges Jahr an. Nebel deuten darauf hin, dass es noch Dinge zu bereinigen gibt. Auch verweisen sie auf ein nasses Jahr. Helles und klares Wetter hingegen verheisst warme, gute Zeiten.
  • Viele Eisblumen an den Fenstern, sowie Reif und Schnee auf den Bäumen zeigen ein ertragreiches Jahr an.
  • Mit einem in den Raunächten gebundenen Besen kann man Krankheiten und böse Geister aus dem Haus fegen.
  • In den Rauhnächten werden Haus und Hof ausgeräuchert, um sie zu schützen und zu segnen.

Volksglaube zur Neujahrsnacht

  • In der ersten halben Stunde des neuen Jahres werden alle Türen geschlossen, bis auf die Hin- tertür. Durch diese kommt der Segen herein.
  • Wer beim zwölften Glockenschlag des alten Jahres von einem Tisch oder Stuhl herunter springt, hat Glück im neuen Jahr.
  • Wenn während des Silvesterläutens alle Familienmitglieder aus einem Glase trinken, so hält das Unheil fern.
  • In der Neujahrsnacht schlägt der Hausvater vier Pfähle gemäss den Himmelsrichtungen um das Haus herum in die Erde. Dadurch wird es vor Feuer behütet.
  • Böser Geister werden vertrieben, indem man über die Brunnen schiesst. Das Silvesterschiessen weckt die Samen der Pflanzen in der Erde.

Wie heisst der neue Schatz?

Das Apfelorakel kennt den Namen. Man werfe eine am Stück geschälte Apfelschale über die Schulter. Dann schaue man, wie sie auf dem Boden liegt. Sie soll den Anfangsbuchstaben des Namens zeigen, den der neue Schatz trägt.

Wenn schon konkrete Kandidaten in Sicht sind, kann man für jeden davon eine Zwiebel an einen warmen Platz legen. Diejenige, welche zuerst austreibt, zeigt die richtige Person an. Die anderen kann man beruhigt verkochen.

Was bringt das neue Jahr?

Wer wissen will, was ihm persönlich die nächsten zwölf Monate bringen, achtet auf seine Träume: Jede der Rauhnächte steht für einen Monat. Was in der ersten Nachthälfte geträumt wird, erfüllt sich in der ersten Monatshälfte, sonst in der zweiten.

Quellen und weiterführende Literatur:

Sigrid Früh, Rauhnächte, Stendel Verlag, Sep 1998, ISBN 978-3-92678-924-2

Jeanne Ruland: Das Geheimnis der Rauhnächte, Schirner Verlag 2010, ISBN 978-3-89767-865-1

Im Internet:
http://www.jahreskreis.info/files/rauhnaechte.html

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